Fahrradfahren in Moabit

Straßenszene - Fahrradfahrerin auf einem Radstreifen fährt an einem Auto vorbei, dessen Kühler in ihre Spur ragt. © NDR Radfahrer*innen sind an allem schuld, will mensch der allgemeinen Meinung glauben. Sie stürmen rüde über Fußwege, belästigen Fußgänger*innen, stören den Autoverkehr. Jede*r weiß irgendeine Geschichte darüber zu erzählen.
Als eine von denen, die tagtäglich mit dem Fahrrad unterwegs sind, erzähle ich gern von den Einschränkungen und Gefährdungen, denen wir permanent ausgesetzt sind:
Wir werden immer nur dann wahrgenommen, wenn wir “stören” – ansonsten existieren wir gar nicht. Fußgänger*innen und Hunde latschen, ohne zu gucken, über die Radwege. Radwege und -spuren (z.B. auf der Turmstr.!!) werden zugeparkt,  in Wohnstraßen parken viele PKWs und LKWs auch außerhalb der Parkflächen. Slalomfahren ist angesagt.
Da parken auch Streifenwagen gern auf der Turmstr. – eben nicht nur, um eine Polizei-Aktion durchzuführen, sondern um einzukaufen, einen Döner zu essen…  Von einer Radfahrerin angesprochen, ob sie nicht etwas  gegen die Falschparker unternehmen wollen, antwortete ein junger Polizist treuherzig: das können wir ja schlecht, wenn wir selbst auf dem Radstreifen stehen. Ach, so ist das!
Da wurde die Lübecker Str. durch selbstgebaute Holztröge (die teilweise schon wieder aus dem Leim gehen) mit großem Pomp und Grußworten der Stadträtin “begrünt”. Der Erfolg: seitdem stehen die PKWs eben neben den Trögen mitten in der Straße –  unbeleuchtet, im Dunkeln schlecht zu sehen. Kontrolliert wird selten. Eher werden Radfahrer*innen kontrolliert.
Warum fahren wir gelegentlich auf dem Gehweg? Die Straßenführungen und Ampelanlagen sind ausschließlich auf den Autoverkehr ausgerichtet. Kopfsteinpflaster geht auf die Handgelenke und den Rücken. Radwege werden nicht von Laub und Schnee geräumt, im Gegenteil: da wird eher noch was draufgeschoben, so daß sie zeitweise gar nicht benutzbar sind. Auch ich ärgere mich über Rowdies – wenn ich schon auf den Gehweg ausweiche, sollte ich achtsam fahren, nötigenfalls absteigen.
Aber eine tägliche Lebensgefahr sind rücksichtslos abbiegende Auto-, LKW-,  Bus- und Motorradfahrer*innen (nach meiner Beobachtung hauptsächlich Männer, aber da gibt es auch telefonierende Frauen…). Kommt mir ein links blinkendes Motorrad entgegen und biegt direkt vor meiner Nase ab. Ich steige laut schreiend in die Bremse. Darauf er: wozu blink ich denn?!
Ach, so ist das!
Wenn ich im Sommer in den Garten fahre, muß ich über die Beussel-Brücke. Hier preschen alle, die links auf die Autobahn einbiegen, bei jeder sich bietenden Lücke im Gegenverkehr gnadenlos durch. Auf Fußgänger*innen und Fahrradfahrer*innen wird überhaupt nicht geachtet. Immer wieder stelle ich fest, daß es dort offensichtlich zu Unfällen gekommen ist. Aber muß erst jemand zu Tode kommen, damit etwas geändert wird? Durch eine Linksabbieger-Ampel könnte die Situation erheblich entschärft werden.
In Kreuzungen wird so weit reingefahren, daß der Kreuzungsverkehr bei grün keine Chance hat – so z.B. Wiclef-/Ecke Beusselstr.  Überhaupt: die Beusselstraße ist ein heißes, unübersichtliches Pflaster.
ach,  wünsche ich mir manchmal mehr “Blitzer!!
Ich plädiere für mehr gegenseitige Rücksichtnahme und Achtung für das umweltfreundlichste Verkehrsmittel. Da aber allgemein Ellbogenmentalität und Aggressivität zunehmen, sollten die Straßen so gestaltet werden, daß die schwächeren Verkehrsteilnehmer*innen mehr geschützt und nicht noch gegeneinander ausgespielt werden.

Berlin will mehr für die Fahrradfahrer*innen tun? Bis jetzt ist noch nichts davon zu merken. Wie zu hören ist, möchte man “schon” 2018 damit beginnen? Warum nicht gleich wenigstens die schlimmsten Sünden angehen?

Nachtrag: Beim ndr fand ich einen interessanten Artikel zum Verkehrskonzept in Kopenhagen, von dem sich unsere Politiker*innen sicher etliches abgucken könnten. Hier ein Ausschnitt aus einem Interview:

“In Deutschland favorisieren viele Planer weiße Linien auf der Straße als Radwege-Infrastruktur. Was halten Sie davon?
Bondam: Vor allem würde ich sagen: Glücklicherweise wird die Welt nicht von Planern regiert, sondern von demokratisch gewählten Politikern. Und die Planer tun dann hoffentlich, was die demokratisch gewählten Politiker ihnen sagen.
Wenn ein Planer nun weiße Linien als Fahrradspuren favorisiert, dann denke ich, dass das sehr schlecht durchdacht ist, um es freundlich zu formulieren. Wir haben Tonnen von Belegen dafür, dass mehr Leute Rad fahren, wenn die entsprechende, sichere Infrastruktur da ist.

Halten Sie Radfahren für gefährlich? Wie viele Todesfälle gibt es zum Beispiel in Dänemark?
Bondam: Ich denke nicht, dass es gefährlich ist, wenn die Infrastruktur entsprechend sicher ist. In Dänemark gibt es laut Statistik etwa 30 Unfälle pro Jahr, bei denen ein Radfahrer stirbt. Das sind natürlich immer noch 30 zu viel, doch die Zahl der tödlich verunglückten Radfahrer hat sich im Laufe der vergangenen 25 Jahre deutlich reduziert. Übrigens gilt das auch für Autofahrer und Fußgänger.
Diese 30 Unfalltoten unter den Radfahrern würde ich gern den mehr als 4.000 Menschen in Dänemark gegenüberstellen, die jährlich aufgrund eines inaktiven Lebensstils sterben. Wir haben als Gesellschaft also ein Interesse daran, dass die Menschen sich bewegen. Das kann Joggen oder der Besuch im Fitnessstudio sein. Es ist aber sehr praktisch, physisch aktiv zu sein, einfach indem man das Fahrrad als tägliches Transportmittel nutzt.

In der Innenstadt gibt es nun weniger Parkplätze.
Bondam:
In der Stadt geht es immer um Prioritäten: Wollen wir einen Fahrradweg oder wollen wir Parkplätze? Für mich ist die Antwort klar: Ich will einen Fahrradweg! Warum? Weil ein Radweg viel mehr Menschen nützt als ein Parkplatz für eine Person, die ihr Auto 95 Prozent der Zeit dort stehen lässt. Es steht einfach da und nimmt viel Platz weg.
Das sage ich, obwohl ich selbst Auto fahre und das auch gern tue. Aber ich verlange als Radfahrer exakt dieselbe Qualität bei der Infrastruktur, wie ich sie auch als Autofahrer habe. Das ist für mich einfach nur logisch.”

Der ganze Artikel findet sich unter
radeln in kopenhagen

Ein Gedanke zu „Fahrradfahren in Moabit

  1. Zimmermann

    Liebe Claudia,
    deinen Essay-Beitrag finde ich voll zutreffend und ich finde es auch toll, dass du dich um sprachliche Neutralität bemüht hast. Nicht ohne Hintergrund war es mir als ebenso Betroffenerm wichtig, dass sich zwei Verbände, die wie du ein sofortiges Handeln einfordern, mal im Kiez (Stadtteilplenum Juni 2017) vorstellen und auch beim Kiezfest (16. September 2017) Präsenz zeigen. Es waren/sind dies der Allgemeine Deutsche Fahrradclub Berlin (ADFC-Stadtteilgruppe Mitte) und das Netzwerk Fahrradfreundliche Mitte (NFM).
    Beide werden deine Zeilen auch mit großem Interesse lesen und sich in ihrer Beharrlichkeit bestätigt sehen.
    Am Montag, 28. August 2017, hatte ich das “Vergnügen” mit einer Schar Aktiven im ADFC mit der Radstreife der Polizei in Moabit unterwegs zu sein und mit einer informellen Ansprache die Parksünder*innen und andere, deren Verkehrsverhalten du zu recht kritisierst, auf ihre Verstöße hinzuweisen. Das NFM wiederum hat Verkehrszählungen gemacht, Wegführungen und den Zustand der Radinfrastruktur (sofern vorhanden) analysiert, um Alternativen zu erörtern und anzuregen. Sicher wird auch da hin und wieder nach Kopenhagen geblickt, aber es gibt bereits in Berliner Bezirken gute Beispiele, die genutzt und nachgeahmt werden können. Ich finde, im Wohnungsbau (Sozialer WB) immer nach Wien zu blicken, ist ebenso wenig hilfreich, wie in Sachen Radinfrastruktur immer nur nach Kopenhagen. Die in Berlin Verantwortlichen wissen längst darum, dass die Weichen vor mehr als drei Dekaden falsch gestellt wurden. Gleichwohl gehen sie das dicke Brett nur halbherzig und punktuell an. Mit der Vorlage des Entwurfs eines Radgesetzes von Mitte August 2017 ist eine nennenswerte gesetzliche Materie angeleiert worden, die zu beobachten und zu begleiten Sinn macht. Der ADFC und der Volksentscheid Fahrrad Berlin, zu dem das NFM gehört, können Stolz auf diese Vorlage sein.
    Viele Grüße,
    Ewald

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